SPORT
🏃 Vielfalt schlägt Wiederholung
Eine der größten Studien zum Thema Bewegung und Lebenserwartung wurde im Januar im BMJ Medicine veröffentlicht. Sie stellt eine simple Frage: Reicht es, viel zu trainieren, oder kommt es auch darauf an, vielseitig zu trainieren?
Die Studie in einem Satz: Harvard-Forscher haben über 30 Jahre lang die Bewegungsgewohnheiten von rund 111.000 Menschen aus zwei großen Kohorten ausgewertet und geschaut, wer in dieser Zeit gestorben ist und woran.
Das Kernergebnis
Wer das breiteste Spektrum an Bewegungsarten in seinen Alltag integriert hat, hatte ein 19 % geringeres Sterberisiko. Dies galt unabhängig davon, wie viel insgesamt trainiert wurde.
Bei spezifischen Todesursachen war der Effekt teils noch deutlicher: 13-41 % geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Atemwegserkrankungen oder anderen Ursachen zu sterben.
Vereinfacht ausgedrückt können zwei Menschen mit gleichem Trainingsumfang unterschiedlich lange leben, je nachdem, ob sie eine Sportart oder fünf betreiben.
Der Plateau-Effekt - mehr ist nicht immer besser
Genauso wichtig ist das, was die Studie nicht zeigt: einen linearen „mehr = besser"-Zusammenhang. Bei rund 20 MET-Stunden pro Woche flacht der Nutzen deutlich ab.
Kurz erklärt: Ein MET (Metabolic Equivalent of Task) misst, wie viel Energie eine Aktivität verbraucht – im Vergleich zum Ruhezustand. Ruhig sitzen = 1 MET, zügiges Gehen ≈ 4 MET, Joggen ≈ 8 MET. „MET-Stunden pro Woche" multiplizierst du also Intensität × Dauer.
Das sind grob:
- ca. 5 Stunden zügiges Gehen, oder
- ca. 2,5 Stunden Joggen, oder
- eine Mischung aus mehreren moderaten Aktivitäten
Wer mehr macht, schadet sich nicht, holt aber kaum noch Zusatzgewinn heraus.
Nicht alle Sportarten sind gleich
Spannend wird es im Detail. Gehen war mit dem niedrigsten Sterberisiko verbunden (17 % weniger), gefolgt von Tennis/Squash (15 %), Rudern oder Calisthenics (14 %), Krafttraining (13 %) und Laufen (13 %). Radfahren landete mit nur 4 % am unteren Ende.
Wichtige Einschränkungen (Studie ehrlich einordnen)
Bevor wir das Ergebnis als Gesetz verkaufen, drei Vorbehalte:
- Beobachtungsstudie. Kein Beleg für Kausalität. Menschen mit vielfältigerem Training rauchten weniger, hatten niedrigeren BMI, ernährten sich gesünder und waren sozial besser eingebunden. Das kann in die Ergebnisse mir einfließen.
- Selbstauskunft. Bewegung wurde per Fragebogen erfasst, nicht objektiv gemessen. Experten gehen davon aus, dass das die Effekte eher unterschätzt.
- Kohorte. Untersucht wurden überwiegend weiße US-Amerikaner aus Gesundheitsberufen. Die Übertragbarkeit ist eventuell begrenzt.
Was du heute mitnehmen kannst
Die wichtigste Erkenntnis dieser Studie ist auch die einfachste: Es lohnt sich, das eigene Bewegungsrepertoire bewusst breiter aufzustellen.
Wer ohnehin schon regelmäßig läuft, profitiert vermutlich mehr davon, eine zweite Sportart wie Krafttraining oder zügiges Gehen zu ergänzen, als die Laufzeit weiter hochzuschrauben.
Drei bis vier verschiedene Aktivitäten pro Woche scheinen einen größeren Effekt zu haben als der fünfte Lauf in derselben Woche.
Und ab etwa 20 MET-Stunden pro Woche kannst du aufhören, immer mehr Volumen draufzupacken. Diese Zeit ist besser in eine neue Bewegungsform investiert, die andere Muskelgruppen, Bewegungsmuster oder Energiesysteme anspricht.